Mittwoch, Oktober 26, 2005

Unknown poet from Ueberlingen,Teil 2


Tom und Andreas hinter einer Jalousie.

Andreas Zum x-ten Mal dieselbe CD.
Tom Kannst du ohne?
Andreas Hätten wir gleich die Party organisiert, gäbe es wenigstens Geschichten.
Tom Das Wetter wird morgen besser.
Andreas Und, wie kommst du voran?
Tom Ja. Wir können im Regen an den See. Und du?

Regengeräusch wird lauter.

Andreas Ich komme mir merkwürdig vor bei dieser Aufgabe.
Tom Beim Baden wird man nass. Augen zu und durch?
Andreas Der Anblick eines verregneten Sees. Eine hübsche Einladung zur nächsten Depression. Der bürgerliche Kunstbegriff. Was nützen einem die besten Seminare, wenn sie am Schluss von einem ganz konventionelle Geschichten verlangen?
Tom Dein Abschlussfilm. Mach, was du willst. Eine Gelegenheit, sich der Branche zu empfehlen.
Andreas Beim Baden wird man nass. Das reicht mir nicht. Ich will, dass die einen Schock kriegen, in den Kinosaal kotzen. So habe ich eine Chance, nur so!
Tom Ich möchte, dass sie lachen.
Andreas Die Medienindustrie selbst ist viel spannender als die Themen, die sie zeigen. Eine Megamaschine, von niemandem kontrolliert, die sich auf der einen Seite selbst auffrisst, um sich auf der anderen Seite neu zu gebären. Und in diesen gefräßigen Transformationsprozess werden wir als Frischfleisch geworfen, von Uniprofessoren voll gestopft mit Idealen wie ethisch sinnvolle Unterhaltung, demokratische Medien, anspruchsvolle Kamera, und so weiter und so fort, du kennst die Litanei. Was wir alles sollen, damit denen einer abgeht! Im Berufsalltag später dürfen wir davon dann tatsächlich keine zwei Prozent mehr realisieren, stimmt´s?
In meinem Drehbuch soll ein fieser Programmchef einer Sendeanstalt vorkommen, der sich privat nur noch Pornos reinzieht, aber dann im Sender darüber entscheidet, ob ein anspruchsvoller, interessanter, spannender, aufklärender Film gesendet wird oder nicht!
Die Leute sollen richtig geil auf diesen tollen Film werden, und dann kommt ihnen dieser fiese Arsch von Programmchef dazwischen. Er ersetzt ihn einfach durch diese billige Unterhaltung, wie sie täglich aus der Glotze raus schwappt. Sie werden diesen tollen Film also niemals zu sehen kriegen.
Schön sauer sollen sie werden, auf all die miesen Programmchefs dieser Republik!
Wenn ich selbst kotze, und das als Film realisiere, kotzen die Zuschauer auch!
Tom Das Budget ist frustrierend. Wenn ich daran denke, höre ich sofort auf. Aber mit einem hervorragenden Buch finden sich eventuell Koproduzenten. Hast du daran schon mal gedacht?
Andreas Klar! Ich schlafe abends mit einem virtuellen Koproduzenten ein und wache morgens mit einem anderen Koproduzenten auf. Ich schlafe deswegen schlecht.
Tom Nein, nein, nein! Dein Lieblingswort. Sind wir hier zum gemeinsamen Arbeiten, ja oder nein?
Andreas Nein. Dein Denken funktioniert wie das verfluchte System. Wer nichts hat, darf keine Ansprüche stellen. Das kann ich für mich als Voraussetzung für dieses Business nicht akzeptieren. Ich möchte nicht abgebaut, sondern aufgebaut werden. Diesen Anspruch habe ich an Förderer, an Koproduzenten, an alle. Ich nehme mir einfach frei weg vom Tablett, auf dieser großen Medien Fuck Parade. Und du?

Regengeräusch ebbt ab.

Tom Ansprüche, noch mal Ansprüche, wie ein Fünf-Sterne-Tourist. Im Haus meiner Tante. Wir haben hier jede Menge kostenlosen Freiraum. Kritik tut ja manchmal verdammt weh, aber sie bringt einen weiter. Ich habe noch keinen einzigen Film von dir gesehen, der mich überzeugt hat, ja? Handwerklich in Ordnung, ein paar ganz nette Effekte ja, aber sonst? Kein überzeugender Plot, keine originellen Ideen, nichts!
Andreas Andere Kulisse, anderer Mensch. Ich frage mich, wie du im Umfeld der Aura deiner Tante kreativ sein kannst. Das baue ich in mein Buch ein, darauf kannst du wetten! Ich stopfe sie als mumifizierte Leiche in die Hausbar. Schön in Cognac gewälzt.
Tom Passen deine Ansprüche überhaupt in deine mickrige Story? Das wird schwer für dich, du als Regisseur. Ich gebe nur die Meinung anderer über dich wieder.
Andreas Wie langweilig, gähn! Warum findet man in künstlerischen Studiengängen vorwiegend Töchter und Söhne höherer Eltern? Das spiegelt das gesamtkulturelle Bild unserer Gesellschaft wieder. Was denkt man sich dabei?

Regengeräusch wird lauter.

Tom Ich sehe mich morgen im Dorfladen eine CD aus der Sparte TV-Werbung, die schönsten Musikmomente des Lebens, kaufen. Wenn das dein Geschmack ist, muss ich hier mit Kopfhörern arbeiten.
Andreas Unterhaltung macht mich immer gemütskrank. Willst du das riskieren?
Tom Hilf einfach mal irgendwem irgendwas. Mir zum Beispiel, hier und jetzt. Dann kommst du selbst besser drauf. Man hatte mich ja vorgewarnt. Manche nennen dich nur noch Arte. Der den Kanal voll hat mit hohen Ansprüchen, aber es kommt nur immer dasselbe heraus.

Andreas greift ein Buch aus einem Regal, schlägt es auf.

Andreas Oh, ein Folterbuch von deinem Onkel.
Tom Was fällt dir ein?
Andreas Amnesty International. Jahresberichte. Ist er Mitglied bei dem Verein?
Tom Pass auf deine Zigarette auf! Eigentlich dürfen wir hier nicht rauchen. Ja, ich kann es verstehen, weil ich Nichtraucher bin. Wenn es Brandflecken gibt, habe ich den Ärger.
Andreas Hier, Brandflecken auf der Haut von Folteropfern. Dein Onkel zieht sich Sachen rein. Krass! Ich brauche noch eine geniale Mordszene, das Buch ist eine Offenbarung. Das borge ich mir als Gute-Nacht-Lektüre.
Tom Mein Onkel ist sozial engagiert. Gebildet, ein kluger Kopf. Gesellschaftlich sehr anerkannt.
Andreas Mann, ist das krass, wenn du das zeigst, kotzen die Zuschauer reihenweise in den Kinosaal. Das Schweigen der Lämmer, nur zehnfach brutal.
Tom Welcher Darsteller macht das mit? In meinen Augen ist das pathologisch, unerträglich auf der Leinwand. Mein Onkel engagiert sich nicht nur für Amnesty. Hier sind Bücher über Greenpeace.
Andreas Erkennt man deutlich am Bücherschrank. Man bekommt es leider niemals wirklich authentisch so fotografiert, dass die Nervenschwachen aus dem Kino rennen.
Und wir machen Filme fast am Ende der Ära der Überbietungsstrategien, wo es darum geht, das Unerträgliche um nur noch wenige Punkte auf der Skala zu steigern. Mit modernerer Technik kann man noch zulegen, aber inhaltlich? Als echt neu wird da sicher nichts mehr erscheinen. Die Zeit der Leinwandskandale ist vorbei. Im Fernsehen ist in geschwätziger Weise dagegen alles möglich. Talk, Talk, Talk!
Tom Du hast hier eine umfangreiche Bibliothek zur Verfügung. Aber ich möchte keine Aschereste zwischen den Seiten finden.
Andreas Glaube nicht, dass er das alles gelesen hat. Wie alt müsste jemand werden, bis er eine Bibliothek durch hätte?

Regengeräusch, wie starker Regenschlag gegen Fensterscheiben.

Tom Ich kenne meinen Onkel eigentlich nicht. Bestimmt liest er wirklich viel. Wird nicht bloß Dekoration sein.
Andreas Ein Sammler von schönen Bücherrücken ist er auf jeden Fall. Sehr attraktiv! Vielleicht finde ich hier ein Motiv für meinen Mord. Mein Detektiv, den ich als Figur noch nicht festgelegt habe, zieht aus der Bibliothek eines Verdächtigen Rückschlüsse auf dessen Charakter. Dabei übersieht er leider, dass der Verdächtige in Wirklichkeit kein einziges Buch aus seiner eigenen Bibliothek gelesen hat, weil er generell nicht liest. Mein Verdächtiger hasst lesen.
Er bekommt die Inhalte neuer Bücher über das Internet als kleine Zusammenfassungen gesendet, so dass er sich trotzdem in der Lage sieht, gesellschaftlich mitzureden. Es gelingt ihm sogar, sich als eingefleischten Bücherwurm darzustellen.
Seine Bibliothek aber hat er sich von einer jungen Innenarchitektin zusammenstellen lassen. Der Zuschauer bekommt diese Information über den Verdächtigen, da baue ich eine nette Affäre mit der Innenarchitektin mit ein, aber der Detektiv liegt dennoch richtig, denn auch eine Dekoration sagt genügend über den Charakter eines Menschen aus. Er ist der Mörder! Wie findest du das?
Tom Genial.

Regengeräusch in Verbindung mit Wind.

Andreas Mal sehen, was ich noch herausfinde. Nur zum Zeitvertreib, solange das Wetter schlecht ist.
Tom Wenn es dir Spaß macht. Vielleicht gehe ich bei diesem schönen Wetter doch an den See.
Andreas Siehst du die Druckstellen im Teppich?
Tom Kaum.
Andreas Haben deine Verwandten etwa einen gebrauchten Teppich gekauft? Das passt nicht zu ihnen.
Tom Keine Ahnung, vielleicht sind sie mal umgezogen, wie auch immer. Meinen Geschmack trifft der sowieso nicht. Ein ziemlich unedles Stück.
Andreas Bei mir würde er auch nicht im Wohnzimmer liegen. Also, die Frage, ob sie ein ästhetisches Empfinden haben, würde ich mit nein beantworten. Aber darum geht es mir nicht.
Tom Dann bin ich ja beruhigt. Wie sollte ich mir sonst dein Interesse für meine Verwandtschaft erklären?
Andreas Du brauchst sie nicht zu verteidigen. Stell dir vor, mein Detektiv betritt die Wohnung des Verdächtigen, wirft ein paar Blicke auf dessen Einrichtung und tritt dann auf diesen Teppich.
Tom Und?
Andreas Die Kamera folgt in einer Makroeinstellung den orientalischen Ornamenten. Ich denke natürlich an Kino, man wähnt sich augenblicklich in einer Moschee, etwas irritiert durch die Teppichhaare, klarer Verfremdungseffekt, dann erreicht die Kamera die Abdrücke im Teppich. Gegenschuss auf die Augen des Detektivs, dann ein Schwenk auf den Verdächtigen, der dem Blick meines Detektivs folgt.
Tom Wenn du das erfolgreich auflöst, bist du wirklich gut.
Andreas Klar, ganz einfach. Der Verdächtige wird blass, die Schlinge um seinen Hals zieht sich langsam zu. Er weiß jetzt, dass der andere weiß, wer der Täter ist, nur die Beweise fehlen.
Tom Und die Handlung. Die fehlt wirklich noch. Bist du wirklich überzeugt von dem Motiv?
Andreas Eine Sequenz, eine von vielen. Ist das gut?
Tom Ja, ich weiß nicht. Irgendetwas fehlt mir zusätzlich noch dabei. Vielleicht stört mich auch nur, dass du alles auf meine Verwandtschaft projizierst.
Andreas Du redest nicht über deine Arbeit. Kein Wort.

Regengeräusche verstummen. Andreas nimmt eine CD aus dem Abspielgerät.

Tom Bitte keine weitere Geräusche CD. Wozu brauchst du so viel Regen in deinem Film? Regen laut, Regen leise, Nieseln, Platzregen, Orkanregen, gleichmäßiger Regen, Regenmusik und so weiter und so fort.
Andreas Der ist für die Atmosphäre unendlich wichtig. Ich möchte eine intensive Herbststimmung: Regen, welke fallende Blätter, Nässe, Depression, wirtschaftlicher Niedergang. Der Ton wird immer wichtiger, der wertet die Bilder fulminant auf. Da sind die Grenzen lange noch nicht ausgereizt.
Tom Arte, eben. Ist das nicht ein ehrenvoller Nickname?
Andreas Lass mich in Ruhe damit!
Tom Und ich dachte bei dem Regen, du planst einen Stummfilm, Arti?
Andreas Hatte ich überlegt. Einen Film für Taubstumme. Aber so weit wie du komme ich da bestimmt nicht. Da bin ich nicht konkurrenzfähig.

Tom geht hinaus. Andreas nimmt sein Diktiergerät.

Andreas Tom mauert sich ein. Bis er verschwunden ist. Sein Problem, Regisseur wird er sowieso nicht. Der klassische Fall von fehl besetzter Studienplatz.

Andreas blättert in einer Zeitschrift. Schaltet sein Diktiergerät ein.

Andreas Hauptfigur, Doppelpunkt. Wenn ich dieses Fernsehprogramm sehe, und die Anzahl der Morde pro Woche zähle, und wie die gemacht sind, kann ich nur sagen: lächerlich! Das sagt alles über das deutsche Fernsehen aus. Doppelpunkt: Lächerlich!

Andreas schaltet das Diktiergerät aus, blättert in der Zeitschrift, schläft ein.

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