Unknown poet from Ueberlingen, sent by Kareen
Ein Bungalow mit Öko-Dachgarten. Oben Tom mit einem Diktiergerät. Im Garten unten Andreas, ebenfalls mit einem Diktiergerät. Von Zeit zu Zeit sprechen sie in ihre Diktiergeräte. Im Garten sprengt die Bewässerungsanlage mit regelmäßigen Unterbrechungen Beete und Rasenfläche. Andreas springt zur Seite, als die Bewässerung wieder einsetzt.
Tom Irgend so ein osteuropäisches Kunstgenie, der trotz seiner Genialität im Westen vollkommen unbekannt ist. Sagen wir ein Filmemacher von der Klasse eines Tarkovski, oder nein, das wäre ein schlechtes Beispiel, weil den ja hauptsächlich der Westen bekannt gemacht hat, nein, jemand, dessen Namen wir nicht kennen.
Andreas Bei ihrer Ankunft im Haus seiner Tante fanden sie einen Zettel, worauf diese Tante genauestens notiert hatte, wie sie sich in ihrem Haus zu verhalten hätten. Sie würdigte also ihren Neffen zum Aufpasser für ihr Eigentum herab, womit sie ihn unbeabsichtigt vor die entscheidende Wahl stellte: entweder ihren Besitz zu zerstören, um sich aus dieser miesen Rolle zu befreien, oder ihren Besitz zu schützen, und sich durch diese Rolle vor den anderen fürchterlich lächerlich zu machen, was zur Konsequenz hätte, sich selbst zu zerstören.
Tom Nehmen wir vielleicht besser anstelle eines Filmemachers einen Schriftsteller, um den Etat nicht durch überflüssige Bauten zu belasten. Das im Westen schon beinahe lächerliche Wort des Dichters, oder gar des Nationaldichters, hat jedoch in einem Land wie Armenien oder Aserbaidschan noch einen gewichtigen Klang. Vielleicht gerade deshalb, weil man dort auf die eigene Tradition sieht, um sich gegen die kulturelle Hegemonie des Westens zu wehren. Wenn also vielleicht dieser im Westen unbekannte grusinische oder kaukasische Nationaldichter seine lokale Berühmtheit dadurch erlangt hätte, dass er eben diesen Westen in den Augen seiner Landsleute tatsächlich lächerlich machte?
Andreas Das Ganze entwickelt sich zum Konflikt zwischen den Parteien, der furios eskaliert. Und da fangen leider die Schwierigkeiten an, denn das Budget gibt eine Eskalation, wie ich sie mir in allen Einzelheiten vorstelle, leider nicht her. Und auf leises, psychologisches gegenseitiges Zermartern stehe ich nicht. Ende der Durchsage.
Tom ruft vom Dachgarten herunter.
Tom Andreas?
Andreas Ruhe, bitte!
Tom Und action! Würdest du bitte dort, wo der Wassersprenger nicht hinreicht, mit der Kanne gießen?
Andreas Nein!
Tom In der Garage steht eine Gießkanne. Bitte, den einen Gefallen, ja?
Andreas setzt Kopfhörer auf.
Tom Berühmt durch einen Frontalangriff auf die Kultur des Westens, aber ansonsten ein kleiner, schmieriger Kulturapparatschik, einer von vielen, aber einer, der eben zufällig, im Gegensatz zu den zig anderen Apparatschiks, tatsächlich schreiben kann.
Bekannt von ihm waren so Sätze wie “die Kultur des Westens ist wie eine Eiterbeule am schlaffen Hoden eines impotenten Zuchtstiers”, oder “im Westen ist der Künstler ein Lakai, der sich seinen Sponsoren mit geöffnetem Mund als Spucknapf zur Verfügung stellt, weil er darauf hofft, von deren Infektiösem satt zu werden.”
Solch wütende Auswürfe wurden dann in einem prowestlichen Blatt vor den Augen der einheimischen Leser als Gebrabbel eines Eingeborenen zerpflückt, um sofort von einem anderen Blatt in höchster patriotischer Emphase als gefälliger Ausdruck endogener Kultur in den Himmel gelobt zu werden.
Andreas Wie kommt einer zu Tode, im Drehbuch schreibt man den einfach weg, aber das kapiert keiner, im Movie möchte ich bitteschön sehen, warum die Person stirbt. Und ich will, dass es spannend und originell gemacht ist. Ich bin mir der krassen Meinung sicher, dass der Kugeltod im deutschen Fernsehen und im internationalen Kino satt überreizt ist.
Welcher Regisseur heute in einem Film, oder im TV Movie noch eine Knarre auftreten lässt, lebt sicher hoffnungslos antiquiert. Out ist meiner Meinung nach auch der Tod per PKW. Schade für die guten Stuntmen! Ich kann es aber leider nicht mehr mit anschauen, wie sich wieder einer über die Blechkarosse abrollen lässt, der nicht annähernd die Figur und Bewegungen des Hauptdarstellers hat.
Und, noch so ein Fall von Überreizung eines Klischees, das brennende Opfer, das schreiend weg läuft, finde ich zum Brüllen komisch. Wie viele Prozent der Erdbevölkerung sterben tatsächlich auf diese Weise? Muss das sein, nur damit man auch noch einen Pyrotechniker beschäftigt?
Ja, mir bleibt eigentlich nur der Tod am Strang, der ja manchmal sehr lange dauern soll, und aus diesem Grund selten realistisch gezeigt wird.
Filmisch kennt man nur den Knacks, den glatten Genickbruch aus angemessener Fallhöhe, der ebenso praktikabel, aber in Wirklichkeit selten ist, wodurch eben die Geschichte so gebaut werden muss, dass er glaubwürdig erscheint. Viel zu teuer, viel zu kompliziert!
Das geht mir überhaupt alles auf die Nerven. Dieses ganze Moviegemache ist selten öde.
Pause! Ich mache Pause!
(Mein Kommentar dazu: http://www.stationeast.net/ostbahnhof/media/luedecke.htm
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