Donnerstag, Oktober 27, 2005

Hallo liebe Überlingen Fans!

Wollte euch das Telefonat mit Kareen nicht vorenthalten. Ich hatte sie wegen des Textes (siehe vorheriger Post) angerufen, den sie mir leider ohne Kommentar per Post zugesandt hatte. Sie hat mir sofort erzählt, dass sie ihn wieder beim Einkaufen im Supermarkt erhalten hat. Und zwar hatte sie ihren Einkaufswagen für einen Moment unbeobachtet im Markt stehen gelassen, um eine einfache Milchtüte zu finden, da lag er dann zwischen den Lebensmitteln. Also, sie sagte auch, dieser unbekannte Autor aus Überlingen gilt dort als ziemlich verschroben und witzig. Aber in Überlingen sollen viele Originale unterwegs sein, findet jedenfalls Kareen.
Wir haben auch über das gestrige Urteil gegen den Hinterbliebenen der Flugzeugkatastrophe gesprochen, der einen Fluglotsen aus der Schweiz bekanntlich erstochen hat. Acht Jahre Zuchthaus, kein mildes Urteil, war unser beider Meinung. Andererseits muss man auch bedenken, dass der Fluglotse von Skyguide vielleicht einmal in seinem Leben einen gravierenden Fehler gemacht hatte, oder sogar nur die Struktur der Flugüberwachung nicht richtig ineinander griff. Denn Selbstjustiz geht ja auch nicht. Nur im Theater sei sie erlaubt!
Schöne Grüße an alle, V.E.L

Mittwoch, Oktober 26, 2005

Unknown poet from Ueberlingen,Teil 2


Tom und Andreas hinter einer Jalousie.

Andreas Zum x-ten Mal dieselbe CD.
Tom Kannst du ohne?
Andreas Hätten wir gleich die Party organisiert, gäbe es wenigstens Geschichten.
Tom Das Wetter wird morgen besser.
Andreas Und, wie kommst du voran?
Tom Ja. Wir können im Regen an den See. Und du?

Regengeräusch wird lauter.

Andreas Ich komme mir merkwürdig vor bei dieser Aufgabe.
Tom Beim Baden wird man nass. Augen zu und durch?
Andreas Der Anblick eines verregneten Sees. Eine hübsche Einladung zur nächsten Depression. Der bürgerliche Kunstbegriff. Was nützen einem die besten Seminare, wenn sie am Schluss von einem ganz konventionelle Geschichten verlangen?
Tom Dein Abschlussfilm. Mach, was du willst. Eine Gelegenheit, sich der Branche zu empfehlen.
Andreas Beim Baden wird man nass. Das reicht mir nicht. Ich will, dass die einen Schock kriegen, in den Kinosaal kotzen. So habe ich eine Chance, nur so!
Tom Ich möchte, dass sie lachen.
Andreas Die Medienindustrie selbst ist viel spannender als die Themen, die sie zeigen. Eine Megamaschine, von niemandem kontrolliert, die sich auf der einen Seite selbst auffrisst, um sich auf der anderen Seite neu zu gebären. Und in diesen gefräßigen Transformationsprozess werden wir als Frischfleisch geworfen, von Uniprofessoren voll gestopft mit Idealen wie ethisch sinnvolle Unterhaltung, demokratische Medien, anspruchsvolle Kamera, und so weiter und so fort, du kennst die Litanei. Was wir alles sollen, damit denen einer abgeht! Im Berufsalltag später dürfen wir davon dann tatsächlich keine zwei Prozent mehr realisieren, stimmt´s?
In meinem Drehbuch soll ein fieser Programmchef einer Sendeanstalt vorkommen, der sich privat nur noch Pornos reinzieht, aber dann im Sender darüber entscheidet, ob ein anspruchsvoller, interessanter, spannender, aufklärender Film gesendet wird oder nicht!
Die Leute sollen richtig geil auf diesen tollen Film werden, und dann kommt ihnen dieser fiese Arsch von Programmchef dazwischen. Er ersetzt ihn einfach durch diese billige Unterhaltung, wie sie täglich aus der Glotze raus schwappt. Sie werden diesen tollen Film also niemals zu sehen kriegen.
Schön sauer sollen sie werden, auf all die miesen Programmchefs dieser Republik!
Wenn ich selbst kotze, und das als Film realisiere, kotzen die Zuschauer auch!
Tom Das Budget ist frustrierend. Wenn ich daran denke, höre ich sofort auf. Aber mit einem hervorragenden Buch finden sich eventuell Koproduzenten. Hast du daran schon mal gedacht?
Andreas Klar! Ich schlafe abends mit einem virtuellen Koproduzenten ein und wache morgens mit einem anderen Koproduzenten auf. Ich schlafe deswegen schlecht.
Tom Nein, nein, nein! Dein Lieblingswort. Sind wir hier zum gemeinsamen Arbeiten, ja oder nein?
Andreas Nein. Dein Denken funktioniert wie das verfluchte System. Wer nichts hat, darf keine Ansprüche stellen. Das kann ich für mich als Voraussetzung für dieses Business nicht akzeptieren. Ich möchte nicht abgebaut, sondern aufgebaut werden. Diesen Anspruch habe ich an Förderer, an Koproduzenten, an alle. Ich nehme mir einfach frei weg vom Tablett, auf dieser großen Medien Fuck Parade. Und du?

Regengeräusch ebbt ab.

Tom Ansprüche, noch mal Ansprüche, wie ein Fünf-Sterne-Tourist. Im Haus meiner Tante. Wir haben hier jede Menge kostenlosen Freiraum. Kritik tut ja manchmal verdammt weh, aber sie bringt einen weiter. Ich habe noch keinen einzigen Film von dir gesehen, der mich überzeugt hat, ja? Handwerklich in Ordnung, ein paar ganz nette Effekte ja, aber sonst? Kein überzeugender Plot, keine originellen Ideen, nichts!
Andreas Andere Kulisse, anderer Mensch. Ich frage mich, wie du im Umfeld der Aura deiner Tante kreativ sein kannst. Das baue ich in mein Buch ein, darauf kannst du wetten! Ich stopfe sie als mumifizierte Leiche in die Hausbar. Schön in Cognac gewälzt.
Tom Passen deine Ansprüche überhaupt in deine mickrige Story? Das wird schwer für dich, du als Regisseur. Ich gebe nur die Meinung anderer über dich wieder.
Andreas Wie langweilig, gähn! Warum findet man in künstlerischen Studiengängen vorwiegend Töchter und Söhne höherer Eltern? Das spiegelt das gesamtkulturelle Bild unserer Gesellschaft wieder. Was denkt man sich dabei?

Regengeräusch wird lauter.

Tom Ich sehe mich morgen im Dorfladen eine CD aus der Sparte TV-Werbung, die schönsten Musikmomente des Lebens, kaufen. Wenn das dein Geschmack ist, muss ich hier mit Kopfhörern arbeiten.
Andreas Unterhaltung macht mich immer gemütskrank. Willst du das riskieren?
Tom Hilf einfach mal irgendwem irgendwas. Mir zum Beispiel, hier und jetzt. Dann kommst du selbst besser drauf. Man hatte mich ja vorgewarnt. Manche nennen dich nur noch Arte. Der den Kanal voll hat mit hohen Ansprüchen, aber es kommt nur immer dasselbe heraus.

Andreas greift ein Buch aus einem Regal, schlägt es auf.

Andreas Oh, ein Folterbuch von deinem Onkel.
Tom Was fällt dir ein?
Andreas Amnesty International. Jahresberichte. Ist er Mitglied bei dem Verein?
Tom Pass auf deine Zigarette auf! Eigentlich dürfen wir hier nicht rauchen. Ja, ich kann es verstehen, weil ich Nichtraucher bin. Wenn es Brandflecken gibt, habe ich den Ärger.
Andreas Hier, Brandflecken auf der Haut von Folteropfern. Dein Onkel zieht sich Sachen rein. Krass! Ich brauche noch eine geniale Mordszene, das Buch ist eine Offenbarung. Das borge ich mir als Gute-Nacht-Lektüre.
Tom Mein Onkel ist sozial engagiert. Gebildet, ein kluger Kopf. Gesellschaftlich sehr anerkannt.
Andreas Mann, ist das krass, wenn du das zeigst, kotzen die Zuschauer reihenweise in den Kinosaal. Das Schweigen der Lämmer, nur zehnfach brutal.
Tom Welcher Darsteller macht das mit? In meinen Augen ist das pathologisch, unerträglich auf der Leinwand. Mein Onkel engagiert sich nicht nur für Amnesty. Hier sind Bücher über Greenpeace.
Andreas Erkennt man deutlich am Bücherschrank. Man bekommt es leider niemals wirklich authentisch so fotografiert, dass die Nervenschwachen aus dem Kino rennen.
Und wir machen Filme fast am Ende der Ära der Überbietungsstrategien, wo es darum geht, das Unerträgliche um nur noch wenige Punkte auf der Skala zu steigern. Mit modernerer Technik kann man noch zulegen, aber inhaltlich? Als echt neu wird da sicher nichts mehr erscheinen. Die Zeit der Leinwandskandale ist vorbei. Im Fernsehen ist in geschwätziger Weise dagegen alles möglich. Talk, Talk, Talk!
Tom Du hast hier eine umfangreiche Bibliothek zur Verfügung. Aber ich möchte keine Aschereste zwischen den Seiten finden.
Andreas Glaube nicht, dass er das alles gelesen hat. Wie alt müsste jemand werden, bis er eine Bibliothek durch hätte?

Regengeräusch, wie starker Regenschlag gegen Fensterscheiben.

Tom Ich kenne meinen Onkel eigentlich nicht. Bestimmt liest er wirklich viel. Wird nicht bloß Dekoration sein.
Andreas Ein Sammler von schönen Bücherrücken ist er auf jeden Fall. Sehr attraktiv! Vielleicht finde ich hier ein Motiv für meinen Mord. Mein Detektiv, den ich als Figur noch nicht festgelegt habe, zieht aus der Bibliothek eines Verdächtigen Rückschlüsse auf dessen Charakter. Dabei übersieht er leider, dass der Verdächtige in Wirklichkeit kein einziges Buch aus seiner eigenen Bibliothek gelesen hat, weil er generell nicht liest. Mein Verdächtiger hasst lesen.
Er bekommt die Inhalte neuer Bücher über das Internet als kleine Zusammenfassungen gesendet, so dass er sich trotzdem in der Lage sieht, gesellschaftlich mitzureden. Es gelingt ihm sogar, sich als eingefleischten Bücherwurm darzustellen.
Seine Bibliothek aber hat er sich von einer jungen Innenarchitektin zusammenstellen lassen. Der Zuschauer bekommt diese Information über den Verdächtigen, da baue ich eine nette Affäre mit der Innenarchitektin mit ein, aber der Detektiv liegt dennoch richtig, denn auch eine Dekoration sagt genügend über den Charakter eines Menschen aus. Er ist der Mörder! Wie findest du das?
Tom Genial.

Regengeräusch in Verbindung mit Wind.

Andreas Mal sehen, was ich noch herausfinde. Nur zum Zeitvertreib, solange das Wetter schlecht ist.
Tom Wenn es dir Spaß macht. Vielleicht gehe ich bei diesem schönen Wetter doch an den See.
Andreas Siehst du die Druckstellen im Teppich?
Tom Kaum.
Andreas Haben deine Verwandten etwa einen gebrauchten Teppich gekauft? Das passt nicht zu ihnen.
Tom Keine Ahnung, vielleicht sind sie mal umgezogen, wie auch immer. Meinen Geschmack trifft der sowieso nicht. Ein ziemlich unedles Stück.
Andreas Bei mir würde er auch nicht im Wohnzimmer liegen. Also, die Frage, ob sie ein ästhetisches Empfinden haben, würde ich mit nein beantworten. Aber darum geht es mir nicht.
Tom Dann bin ich ja beruhigt. Wie sollte ich mir sonst dein Interesse für meine Verwandtschaft erklären?
Andreas Du brauchst sie nicht zu verteidigen. Stell dir vor, mein Detektiv betritt die Wohnung des Verdächtigen, wirft ein paar Blicke auf dessen Einrichtung und tritt dann auf diesen Teppich.
Tom Und?
Andreas Die Kamera folgt in einer Makroeinstellung den orientalischen Ornamenten. Ich denke natürlich an Kino, man wähnt sich augenblicklich in einer Moschee, etwas irritiert durch die Teppichhaare, klarer Verfremdungseffekt, dann erreicht die Kamera die Abdrücke im Teppich. Gegenschuss auf die Augen des Detektivs, dann ein Schwenk auf den Verdächtigen, der dem Blick meines Detektivs folgt.
Tom Wenn du das erfolgreich auflöst, bist du wirklich gut.
Andreas Klar, ganz einfach. Der Verdächtige wird blass, die Schlinge um seinen Hals zieht sich langsam zu. Er weiß jetzt, dass der andere weiß, wer der Täter ist, nur die Beweise fehlen.
Tom Und die Handlung. Die fehlt wirklich noch. Bist du wirklich überzeugt von dem Motiv?
Andreas Eine Sequenz, eine von vielen. Ist das gut?
Tom Ja, ich weiß nicht. Irgendetwas fehlt mir zusätzlich noch dabei. Vielleicht stört mich auch nur, dass du alles auf meine Verwandtschaft projizierst.
Andreas Du redest nicht über deine Arbeit. Kein Wort.

Regengeräusche verstummen. Andreas nimmt eine CD aus dem Abspielgerät.

Tom Bitte keine weitere Geräusche CD. Wozu brauchst du so viel Regen in deinem Film? Regen laut, Regen leise, Nieseln, Platzregen, Orkanregen, gleichmäßiger Regen, Regenmusik und so weiter und so fort.
Andreas Der ist für die Atmosphäre unendlich wichtig. Ich möchte eine intensive Herbststimmung: Regen, welke fallende Blätter, Nässe, Depression, wirtschaftlicher Niedergang. Der Ton wird immer wichtiger, der wertet die Bilder fulminant auf. Da sind die Grenzen lange noch nicht ausgereizt.
Tom Arte, eben. Ist das nicht ein ehrenvoller Nickname?
Andreas Lass mich in Ruhe damit!
Tom Und ich dachte bei dem Regen, du planst einen Stummfilm, Arti?
Andreas Hatte ich überlegt. Einen Film für Taubstumme. Aber so weit wie du komme ich da bestimmt nicht. Da bin ich nicht konkurrenzfähig.

Tom geht hinaus. Andreas nimmt sein Diktiergerät.

Andreas Tom mauert sich ein. Bis er verschwunden ist. Sein Problem, Regisseur wird er sowieso nicht. Der klassische Fall von fehl besetzter Studienplatz.

Andreas blättert in einer Zeitschrift. Schaltet sein Diktiergerät ein.

Andreas Hauptfigur, Doppelpunkt. Wenn ich dieses Fernsehprogramm sehe, und die Anzahl der Morde pro Woche zähle, und wie die gemacht sind, kann ich nur sagen: lächerlich! Das sagt alles über das deutsche Fernsehen aus. Doppelpunkt: Lächerlich!

Andreas schaltet das Diktiergerät aus, blättert in der Zeitschrift, schläft ein.

Mittwoch, Oktober 19, 2005

Jenny schreibt über ihren Erfolg

Ich kann zum Glück darüber lachen, was Kareens Meinung betrifft, ich betreibe Leichenfledderei. Hast du wirklich gedacht, wir informieren nicht die Angehörigen un organisieren kein Begräbnis? Ich denke, da betreiben ganz andere Leichenfledderei, zum Beispiel einige Verlage, die Autorenrechte vermarkten, die ihnen nie vom Autor übertragen worden sind.
Ich habe die Koffer mit den Texten der Verstorbenen vertraglich abgesichert bar von ihren Erben gekauft, was uns eine Summe kostet, die das Theater in diesem Fall leicht verkraften kann.
Das Begräbnis war herzzereissend, allein die Totenmesse in der christlich orthodoxen Kirche ein unvergessliches Erlebnis. Offene Särge wurden während des Gottesdienstes herein getragen, ein unglaublicher Leichengeruch lag in der Luft, wunderbare Chorgesänge ertönten, Kerzen wurden auf Leuchter gesteckt und nebenbei wurde auch noch getauft. Aus unserem Kirchenverständnis heraus alles sehr ungewohnt, vor der Kirche lagerten Bettler, ich empfand alles wie eine Reise in eine andere Zeit. Ich werde euch noch ganz ausführlich darüber berichten, wenn ich erst zurück bin.
Und genau da liegt das Problem, natürlich nicht für mich, sondern für die Texte, die ja nun leider, wir haben das mit Hilfe eines Geigerzählers gemessen, stark radioaktiv verseucht sind. Und wie soll das nach Deutschland transportiert werden? Also, ich kann natürlich die Koffer nicht einfach im Zug mitnehmen. auch fotokopieren geht nicht, der Kopierer müsste anschließend als Sondermüll entsorgt werden.
Daher meine Bitte an euch: Habt ihr vielleicht eine Idee? Und immer daran denken, diese Texte werden die literarische Sensation der nächsten Jahre werden!!!!

Freitag, Oktober 14, 2005

Unknown poet from Ueberlingen, sent by Kareen
Ein Bungalow mit Öko-Dachgarten. Oben Tom mit einem Diktiergerät. Im Garten unten Andreas, ebenfalls mit einem Diktiergerät. Von Zeit zu Zeit sprechen sie in ihre Diktiergeräte. Im Garten sprengt die Bewässerungsanlage mit regelmäßigen Unterbrechungen Beete und Rasenfläche. Andreas springt zur Seite, als die Bewässerung wieder einsetzt.


Tom Irgend so ein osteuropäisches Kunstgenie, der trotz seiner Genialität im Westen vollkommen unbekannt ist. Sagen wir ein Filmemacher von der Klasse eines Tarkovski, oder nein, das wäre ein schlechtes Beispiel, weil den ja hauptsächlich der Westen bekannt gemacht hat, nein, jemand, dessen Namen wir nicht kennen.

Andreas Bei ihrer Ankunft im Haus seiner Tante fanden sie einen Zettel, worauf diese Tante genauestens notiert hatte, wie sie sich in ihrem Haus zu verhalten hätten. Sie würdigte also ihren Neffen zum Aufpasser für ihr Eigentum herab, womit sie ihn unbeabsichtigt vor die entscheidende Wahl stellte: entweder ihren Besitz zu zerstören, um sich aus dieser miesen Rolle zu befreien, oder ihren Besitz zu schützen, und sich durch diese Rolle vor den anderen fürchterlich lächerlich zu machen, was zur Konsequenz hätte, sich selbst zu zerstören.

Tom Nehmen wir vielleicht besser anstelle eines Filmemachers einen Schriftsteller, um den Etat nicht durch überflüssige Bauten zu belasten. Das im Westen schon beinahe lächerliche Wort des Dichters, oder gar des Nationaldichters, hat jedoch in einem Land wie Armenien oder Aserbaidschan noch einen gewichtigen Klang. Vielleicht gerade deshalb, weil man dort auf die eigene Tradition sieht, um sich gegen die kulturelle Hegemonie des Westens zu wehren. Wenn also vielleicht dieser im Westen unbekannte grusinische oder kaukasische Nationaldichter seine lokale Berühmtheit dadurch erlangt hätte, dass er eben diesen Westen in den Augen seiner Landsleute tatsächlich lächerlich machte?

Andreas Das Ganze entwickelt sich zum Konflikt zwischen den Parteien, der furios eskaliert. Und da fangen leider die Schwierigkeiten an, denn das Budget gibt eine Eskalation, wie ich sie mir in allen Einzelheiten vorstelle, leider nicht her. Und auf leises, psychologisches gegenseitiges Zermartern stehe ich nicht. Ende der Durchsage.

Tom ruft vom Dachgarten herunter.

Tom Andreas?

Andreas Ruhe, bitte!

Tom Und action! Würdest du bitte dort, wo der Wassersprenger nicht hinreicht, mit der Kanne gießen?

Andreas Nein!

Tom In der Garage steht eine Gießkanne. Bitte, den einen Gefallen, ja?

Andreas setzt Kopfhörer auf.

Tom Berühmt durch einen Frontalangriff auf die Kultur des Westens, aber ansonsten ein kleiner, schmieriger Kulturapparatschik, einer von vielen, aber einer, der eben zufällig, im Gegensatz zu den zig anderen Apparatschiks, tatsächlich schreiben kann.
Bekannt von ihm waren so Sätze wie “die Kultur des Westens ist wie eine Eiterbeule am schlaffen Hoden eines impotenten Zuchtstiers”, oder “im Westen ist der Künstler ein Lakai, der sich seinen Sponsoren mit geöffnetem Mund als Spucknapf zur Verfügung stellt, weil er darauf hofft, von deren Infektiösem satt zu werden.”
Solch wütende Auswürfe wurden dann in einem prowestlichen Blatt vor den Augen der einheimischen Leser als Gebrabbel eines Eingeborenen zerpflückt, um sofort von einem anderen Blatt in höchster patriotischer Emphase als gefälliger Ausdruck endogener Kultur in den Himmel gelobt zu werden.

Andreas Wie kommt einer zu Tode, im Drehbuch schreibt man den einfach weg, aber das kapiert keiner, im Movie möchte ich bitteschön sehen, warum die Person stirbt. Und ich will, dass es spannend und originell gemacht ist. Ich bin mir der krassen Meinung sicher, dass der Kugeltod im deutschen Fernsehen und im internationalen Kino satt überreizt ist.
Welcher Regisseur heute in einem Film, oder im TV Movie noch eine Knarre auftreten lässt, lebt sicher hoffnungslos antiquiert. Out ist meiner Meinung nach auch der Tod per PKW. Schade für die guten Stuntmen! Ich kann es aber leider nicht mehr mit anschauen, wie sich wieder einer über die Blechkarosse abrollen lässt, der nicht annähernd die Figur und Bewegungen des Hauptdarstellers hat.
Und, noch so ein Fall von Überreizung eines Klischees, das brennende Opfer, das schreiend weg läuft, finde ich zum Brüllen komisch. Wie viele Prozent der Erdbevölkerung sterben tatsächlich auf diese Weise? Muss das sein, nur damit man auch noch einen Pyrotechniker beschäftigt?
Ja, mir bleibt eigentlich nur der Tod am Strang, der ja manchmal sehr lange dauern soll, und aus diesem Grund selten realistisch gezeigt wird.
Filmisch kennt man nur den Knacks, den glatten Genickbruch aus angemessener Fallhöhe, der ebenso praktikabel, aber in Wirklichkeit selten ist, wodurch eben die Geschichte so gebaut werden muss, dass er glaubwürdig erscheint. Viel zu teuer, viel zu kompliziert!
Das geht mir überhaupt alles auf die Nerven. Dieses ganze Moviegemache ist selten öde.
Pause! Ich mache Pause!

(Mein Kommentar dazu: http://www.stationeast.net/ostbahnhof/media/luedecke.htm
Hallo Leute, diese Auswüchse in unserer Zusammenarbeit hätte ich mir früher nicht vorstellen können. Aber, nun ja, was kann ich da erwarten?
Ich sag es mal ganz direkt: Jenny, was du da machst, das ist Leichenfledderei!!
Denk mal darüber nach, vielleicht hat diese Autorin ja Angehörige, die sie bestatten wollen. Aber du willst die Texte unter ihrer Leiche hervorzerren und damit triumphierend das Weite suchen. Ich finde das nicht schön. Selbst die größte literarische Entdeckung, das allerheimlichste Geheimnis und die größte Aufklärungswirkung rechtfertigen nicht ein so gemeines Verhalten!
Ok, das musste raus, ich will niemanden persönlich beleidigen. Übrigens, hier passieren auch seltsame Dinge. Hatte euch doch von diesen beiden Filmregisseuren, oder Regiestudenten, was auch immer, erzählt. Der durchgeknallte Dichter hat sich doch tatsächlich an die ran gemacht. Dabei ignorieren die den völlig, ich glaube, der geht denen ordentlich auf die Nerven.
Aber es kommt noch besser! Treffe ihn in einem Supermarkt, Edeka oder Real, glaube ich, da geht der dicht an mir vorbei und schiebt auf einmal eine Rolle Papier in meinen Einkaufswagen. Wow, ich dachte ein unsittlicher Antrag, aber es war nur, was er geschrieben hatte. Der verspricht sich wohl von allen Fremden, die in Überlingen auftauchen, die Befreiung aus seiner Provinzhölle.
Den Text habe ich dir per Brief geschickt, war mit einer alten Schreibmaschine geschrieben. Danke fürs posten, bis bald, Eure Kareen

Samstag, Oktober 08, 2005

Jenny´s Nachricht aus der radioaktiven Zone: Ja, Ja, Ja! Ich habe mit Hilfe der Einheimischen die Autorin ausfindig gemacht. Leute, das ist eine Sensation. Dieser Fund wird das europäische Theater verändern, wir werden Zeugen einer schleichenden Katastrophe, die sich bald an uns selbst vollzieht.
Also, es war eine wirklich schwierige Mission. Wir fragten alle in der Tschernobyl Zone verbliebenen Bewohner, die wir erreichen konnten. Das allein war schon unglaublich schwierig, da sie sich vor Polizei und Militär verstecken. Was wir über die Autorin erfahren konnten, war sehr vage, beinahe jeder wusste etwas von ihr, aber niemand etwas konkretes. einige sagten, es sei schon sehr lange her, dass sie von ihr gehört hätten. Wir suchten also weiter, und das unter Lebensgefahr in diesem Gebiet.
Schließlich erhielten wir den entscheidenden Tip durch Beziehungen eines Einheimischen zum Militär. Ich weiß nicht, wie viele Kisten Vodka die Truppe dafür erhalten hat, aber egal, Hauptsache wir bekommen den Stoff!
Es war total gespenstisch, als wir sie in einer alten Bunkeranlage fanden. Sie hatte wohl bis zuletzt geschrieben, war aber inzwischen teilweise skellettiert. Alle Texte handschriftlich auf altem Faxpapier des Kraftwerks verfasst, stapeln sich in mehreren nummerierten Koffern. Ich schätze etwa zwei Zentner Texte. Sie sitzt noch an einem alten Holztisch, über einem halbfertigen Text. Wegen des Feinstaubes darin mussten wir wieder los, Atemschutzmasken besorgen, wer holt sich schon gern Lungenkrebs? Wollte euch aber darüber vorab informieren. Die Diskussionen mit Kareen gehen mir übrigens am A. vorbei. Diese Sensation hier kann sie sowieso nicht überbieten. Melde mich wieder bald, Grüße, Jenny

Donnerstag, Oktober 06, 2005

Habe nochmal den Bericht der Luftfahrtbehörde (www.bfu-web.de/berichte/02ax001dfr.pdf) gelesen. Mir stellt sich da die Frage, wem folgten die Piloten, wer war ihre höchste Autorität? Und das, liebe Freunde, ist eine spannende Frage, glauben wir mehr der Technik, einer Maschine, einem Computerprogramm, oder einer menschlichen Stimme, die uns über Funk mitteilt:sinken! Während das Radarwarnsystem genau das Gegenteil von uns verlangt. Ja, die Piloten hatten die Wahl, aber ihre höchste Autorität war der Mensch, der Fluglotse, und das wurde ihnen allen zum Verhängnis.
Und noch etwas habe ich diesem Bericht entnommen. Die Piloten des Frachtflugzeugs konnten die russische Besatzung über Funk hören, aber sicherlich nicht verstehen. Umgekehrt konnte die russische Besatzung die Piloten der Frachtmaschine nicht hören. Vielleicht hätten sie sogar ein paar Worte der fremden Sprache verstehen können, und das Unglück wäre nicht geschehen.

Klar, hätte, wenn, das zählt alles nicht, und keine Katastrophe ist rückgängig zu machen, aber uns bleibt trotzdem das Thema Autorität, wem glauben wir eigentlich, etwa einem smarten Politiker, oder vielleicht doch lieber einer Computersimulation? Lest das mal, damit das Theater wieder wirklichkeitsnah wird! Grüße, eure Kareen