Jenny an Europas Grenze
Jenny klang sehr verzweifelt am Telefon. Zuerst hatte alles so wundervoll geklappt. Mit der Familie der Autorin war sie einen posthumen Autorinnenvertrag eingegangen, der beide Seiten zufrieden stellte. Dann hatte sie all die radioaktiv kontaminierten Manuskriptseiten in extra dafür hergestellte Bleikisten verpackt und auf einen LKW geladen. Die Ukrainer waren sehr herzlich und zum Abschied gab es eine rauschende Feier mit traditioneller Musik, aber auch mit einer modernen ukrainischen Rockband. Der Vodka floss in Strömen, und fast hätte ein zufällig anwesender Schauspieler eine Bleikiste geöffnet und aus den Manuskripten vorgelesen, aber Jenny konnte ihn gerade noch davon abhalten.
Am nächsten Morgen fand sie sich erstaunlich klar nach so viel Vodka, und Vorgestern am Morgen war sie schleißlich aufgebrochen. Landstraße, immer Richtung Westen. Ihr bisschen Gepäck und die Bleikisten hinten auf dem LKW. Alles kein Problem, keine Kontrollen, kaum Verkehrsschilder, für westliche Verhältnisse leere Straße.
Nach 12 Stunden Fahrt kam sie erschöpft an der europäischen Ostgrenze an. Dort fließt ein kleiner Fluss, Bug genannt, der später in den Narew mündet. Die Grenzabfertigung hatte eine LKW Kolonne zur Folge, so dass sie beschloss, wie sie mir fast weinend berichtete, am Ufer des Grenzflusses etwas auszuruhen. Sie parkte den Wagen, rastete, aß Paprika, Salami und Gurke, und schlief ein.
Durch ein grelles Licht wurde sie geweckt und sie starrte in einen Scheinwerfer. Es war schon dunkel geworden, und sie sah, dass sich Männer an ihrem LKW zu schaffen machten. Sie sprang auf, rannte zu dem LKW und schrie die Typen an. Das hatten die nicht erwartet und flüchteten. Ein anderer LKW Fahrer kam hinzu und half ihr. sie kamen ins Gespräch, und er fragte, was sie geladen hätte. Manuskripte, radioaktiv, antwortete sie, ich werde sie in Deutschland dekontaminieren. Da brach der LKW Fahrer in schallendes Gelächter aus. Was? Wie bitte? Damit kommst du nie über diese Grenze. Das ist die modernste Grenze der Welt, die EU ist hier wie ein Hochsicherheitsgefängnis abgeschottet.
Jenny war entsetzt. Sie rief mich an um Hilfe.
Der LKW Fahrer fragte einen Grenzbeamten, den er privat kannte, ob man mit radioaktiven Stoffen in die europäische Festung hinein käme.
Niemals, soll der geantwortet haben. Eher gehe ein Reicher durch ein Nadelöhr, und so weiter. Aber, es gäbe immer Möglichkeiten, denn der Mensch denkt, aber Gott lenkt.
Jenny will nicht bekehrt werden, aber über die Grenze mit ihren Manuskripten.
Sie ruft wieder an, ich werde berichten.
Euer V.E.L
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